Verletzlichkeit.

Manchmal ist es ja doch für was gut, wenn man prokrastiniert und bei Facebook so sinnfrei vor sich hinscrollt. Denn ab und an stößt man auf etwas, von dem man noch gar nicht gewusst hat, dass man genau das gesucht hat. Mir ging es vergangene Woche so mit dem ze.tt-Artikel zum Thema „Verletzlichkeit“ mit einem Verweis auf einen sehr interessanten TED-Talk.

Ich hab schon einige TED-Talks gesehen und finde das auch ein tolles Format. Beinahe wäre ich zur letzten TEDx in München gegangen, aber dann war es mir irgendwie doch zu teuer oder ich hatte keine Zeit… Oder beides. Jedenfalls denke ich mir jedes Mal, wenn ich einen guten TED-Talk auf YouTube sehe, dass man sich dafür Zeit nehmen sollte. Aber da muss man eben auch wach und aufmerksam sein – ist schon was anderes als eine Folge Grey’s Anatomy oder The Good Wife bevor man ins Bett geht.

Letzte Woche stellte ich fest, dass ich einen der meistgesehenen TED-Talks noch nicht gesehen hatte – und dass dies ein großes Versäumnis war. Falls es einem oder einer Mitlesenden hier auch so geht, dann bitte tut euch den Gefallen und schaut ihn euch an (siehe ganz unten)!

In dem Talk spricht Brené Brown über „The Power of Vulnerability“. Seit 17 Jahren forscht die Psychologin und Professorin an der University of Houston zu diesem Thema und hat mehrere Bücher darüber geschrieben. Zentrale Frage: „Wie lernen wir, unsere Verletzlichkeit und Unvollkommenheit zu akzeptieren, damit wir mit mehr Würde und Authentizität durch unser Leben gehen können?“

Eine unglaublich spannende Frage, wie ich finde. Denn wenn der Coolness-Panzer abgelegt ist, wird es doch erst spannend. Tiefe Beziehungen zu anderen Menschen kann man nur aufbauen, wenn man sich öffnet und auch seine Verletzlichkeit zeigt. Wie Brown mit Augenzwinkern sehr zu recht feststellt: Die Verletzlichkeit ist es doch, was wir bei anderen als erstes suchen – und bei uns selbst als letztes preisgeben wollen.

Verletzlichkeit hat viel mit Schamgefühl zu tun, wie sie weiter ausführt – sich verletzlich zu zeigen, kostet Mut. Und es ist eben kein Zeichen von Schwäche. Wir machen uns verletzlich, wenn wir zugeben, gescheitert zu sein. Wenn wir „Ich liebe dich“ sagen. Wenn wir laut und deutlich unsere Meinung vertreten – ohne zu wissen, ob die anderen dergleichen Meinung sind. Wenn wir jemandem ein ehrliches Feedback geben. Wenn wir nicht an der Oberfläche bleiben, sondern in die Tiefe gehen.

Wie Brené Brown sagt:

Vulnerability is not winning or losing: It’s having the courage to show up and be seen when we have no control over the outcome. Vulnerability is not weakness: It’s our greatest measure of courage.

Der Witz ist ja: Verletzlich ist jede*r von uns. Das müssen wir nicht lernen. Nur zulassen. Also, dann mal los!

Live.

Auf Konzerte gehe ich immer schon gern. Die erste Band, die ich live sah, war Roxette in der Olympiahalle – es war Ende 1991, immerhin noch vor meinem
14. Geburtstag. Im Nachhinein bin ich froh, dass meine Eltern mir den Besuch des New Kids On The Block-Konzerts ein halbes Jahr zuvor noch nicht erlaubt hatten – das wäre ein etwas peinlicherer Start für die Konzert-Liste gewesen.

Wobei eine solche Liste (leider) gar nicht existiert, sicher würde ich heute gar nicht mehr alles zusammenbekommen. Doch an die Highlights erinnert man sich natürlich – oft sind es für mich Konzerte, bei denen starke Frauen auf der Bühne stehen, die mir besonders in Erinnerung bleiben.

Gestern war wieder so ein besonderes Konzert: Judith Holofernes spielte in der Muffathalle. Es begann schon so unglaublich sympathisch, wie ich die Künstlerin immer schon, seit der Heldenzeit, wahrnehme. Konzertbeginn war für eine Stunde nach Einlass angekündigt, und exakt um diese Zeit stand sie auf der Bühne – und zwar um den Support-Act, ihren „Bruder von anderen Eltern“ anzukündigen.

Teitur war dann auch wirklich ein Erlebnis – ein ebenso sympathischer, gewinnender Typ mit toller Stimme. Sehr eindrücklich, als er seinen Titel „The Singer“ a capella zum Besten gab, in dem es eben genau darum geht, was er macht: auf der Bühne zu stehen, Sänger zu sein, obwohl er das nie sein wollte, wie er sich langsam daran gewöhnt und wie er singt, um geliebt zu werden:

People break into tears for reasons I don’t know.
They just try to understand me, and I sing to be loved.

Mit Teitur zusammen hat Judith Holofernes ihr neues Album „Ich bin das Chaos“ aufgenommen, das etwas knapp mit Blick auf ihre Tour am Freitag, 17. März, veröffentlicht wurde. Doch ganz pragmatisch hat Judith auf Twitter und Facebook witzige „Mitsing-Tutorials“ veröffentlicht, damit man zumindest teilweise mitsingen konnte, auch ohne das Album zu kennen.

Das Konzert startete mit „Danke, ich hab schon“ – einem ziemlichen Kracher vom letzten Album, doch das Münchner Publikum machte seinem Ruf erstmal wieder Ehre und nahm den Song mit den üblich verschränkten Armen zur Kenntnis. Zum Glück tauten die Leute mit der Zeit auf – so war es dann ein kuschelig schönes Chaos in der Muffathalle, die auch einfach zu meinen Lieblings-Locations für Konzerte gehört. Wenn man die Bardame schon kennt, weil sie seit Jahren dort arbeitet, fühlt man sich einfach daheim – und die Größe ist so viel angenehmer als z.B. das Zenith, sodass man seinen Lieblingskünstler*innen ganz egoistisch eigentlich gar nicht mehr Zuspruch wünschen mag.

Judiths neues Album ist wieder einfach wunderbar, eine Mischung aus rotzig-frechen (wie dem tollen Titel-Song „Ich bin das Chaos„) und sehr melancholischen Songs (wie der Liebeskummer-Hymne „Der letzte Optimist„). Immer mit sehr hintergründigen, poetischen Texten, was ich sehr schätze. Kein Wunder, dass ich Fan von ihr bin, wird sie doch beschrieben als „Feministin, arbeitende Mutter, Buddhistin, Possenreißerin, politischer Geist und hochbegabte Lyrikerin“.

Nach dem Konzert ließ sie es sich nicht nehmen, CDs und Platten zu signieren und mit den Fans ein paar Worte zu wechseln. So konnte ich mich für die schönen Spotify-Playlists bedanken, die mir in den letzten Monaten immer wieder Freude bereitet haben. Und ich erfuhr, dass es gar nicht so einfach ist mit den Streaming-Anbietern – wenn sie nämlich auf Spotify etwas anbietet, muss sie das bei allen anderen (GooglePlay, Apple Music etc.) auch, und muss somit alle informieren, wenn sie nur einen Titel zu einer Liste hinzufügen mag…

Ob nun über Streaming, CD oder gar Vinyl, das Album ist definitiv sehr hörenswert. Mein Lieblingssong ist jetzt schon „Der Krieg ist vorbei“. Der hat mich ab dem ersten Hören sehr berührt… zum einen wegen des vordergründigen Kriegsthemas, welches so gut in die jetzige Zeit passt. Zum anderen wegen des Gefühls, das ich gut kenne – immer noch Kämpfe zu kämpfen, die doch eigentlich vorbei sind…
Das alles, bevor ich die Audiostory auf Spotify zum Song gehört habe, in der die Künstlerin genau diese beiden Aspekte des Songs beschreibt.

Und der im Radio sagt: Hey, was machst du da
Der Krieg ist vorbei
Komm, lass die Waffe fallen
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen
Nimm meine Hand, meine Hand
meine Hand

weiß nicht, wie man aufhört
nur, wie man anfängt
nicht, wie man aufhört
nur, wie man anfängt

Hörstück.

Bei der gestrigen Demonstration zum Weltfrauentag wurde ich von einer Reporterin vom Bayerischen Rundfunk zu meiner Motivation, bei der Demo dabei zu sein, befragt. Keine Ahnung, ob das gesendet wird – hinterher fällt einem ja immer erst ein, was man noch viel besser hätte ausdrücken können. Allerdings weiß ich, wie viel man in der Nachbearbeitung machen und schneiden kann.

Vor einem Jahr verbrachte ich nämlich einige Wochenenden zusammen mit einer sehr netten, bunt gemischten Gruppe im Münchner Stadtmuseum und beim Bayerischen Rundfunk: Gemeinsam erarbeiteten wir verschiedene Hörstücke, die nun auf dem inklusiven Audioguide der „Typisch München“-Ausstellung im Stadtmuseum zu hören sind.

Eine wirklich spannende, interessante und sehr lehrreiche Erfahrung, die ich nicht missen möchte und an die ich gerne zurückdenke. Wirklich herausfordernd fand ich es, aus dem vielen Material, das einem zur Verfügung steht, ein sinnvolles, interessantes und kurzweiliges Kondensat zu kreieren.

Das Thema, das ich zusammen mit einer Frau mit Behinderung bearbeitete, war passender- und nicht ganz zufälligerweise „Bier“ und so war ich mit Feuereifer dabei. Ein wie ich finde schönes Hörstück ist entstanden, mit Stimmen von Passantinnen und Passanten, die wir direkt auf dem Marienplatz interviewt hatten, mit historischen Informationen zur Bier- und zur Biergarten-Revolution, mit selbst eingespielten Tönen, die Aufstand und Randale illustrieren sollten (wir hatten sehr viel Spaß beim „Randalieren“ im Studio des Museums) und einem sehr interessanten Interview mit dem Kurator der Ausstellung „Bier.Macht.München“.

Alles in allem glaubt man nicht, wie viel Arbeit in einem 4-Minuten-Stück steckt! Der Einblick in die Branche der Radio- und Audioguide-Macher*innen hat mir sehr viel Freude bereitet. Ich denke, Journalistin wäre vielleicht auch eine Berufsoption für mich gewesen. Keine Ahnung, warum ich damals nie auf die Idee kam…

Bei der Demo zum Weltfrauentag war ich übrigens aus tiefer Überzeugung. Der Backlash, den wir gerade erleben, besorgt mich. Sexismus wird durch Trump wieder salonfähig, weltweit werden die Rechte von Frauen weiterhin massiv beschnitten. Gerade als privilegierte Frau in Deutschland verfällt man vielleicht in eine saturierte Bequemlichkeit und fragt sich, was die „Emanzen“ eigentlich noch wollen. Doch wenn man die Augen öffnet, sei es nun (besonders) global oder aber auch vor der eigenen Haustür, wo beispielsweise immer noch ein Pay Gap von über 20% besteht oder die Parlamente noch lang nicht geschlechtergerecht besetzt sind, sollte jede Frau (und jeder Mann) für Gleichstellung auf die Straße gehen wollen. Die Women’s Marches in den USA und zum Beispiel gestern in den Niederlanden machen mir da Hoffnung, dass gerade eine globale Frauenbewegung entsteht – und ich trage meinen Pussyhat mit Stolz und dem schönen Gefühl, dass er mich mit anderen Frauen weltweit verbindet.

I am not free while any woman is unfree, even when her shackles are very different from my own. –Audre Lorde

 

Ahnen.

Vor zwei Wochen starb mein Großonkel mit fast 97 Jahren. Er hatte ein langes und, wie er sagte, erfülltes Leben und auf der Beerdigung erfuhr man dann doch noch was Neues:
Der Leiter der Justizvollzugsanstalt, bei der er beschäftigt war (und dann noch an die 35 (!) Jahre als Pensionär an Pensionistentreffen etc. teilnahm) berichtete aus seiner Personalakte, dass mein Großonkel als ganz junger Aufseher auf einem Ausgang einen flüchtigen Gefangenen mutig wieder dingfest machen konnte.

So ist das ja oft bei Trauerfällen – man erfährt Familiengeschichten und Anekdoten, die man noch nicht kannte. Ein anderer Großonkel hatte zum Beispiel das Bundesverdienstkreuz bekommen, für seine langjährige Tätigkeit bei der Bundesbank… auch das erfuhr ich erst bei seiner Beerdigung.

Wenn jemand stirbt, erleben die Hinterbliebenen oft eine besondere Familienzeit und auf einmal hat man Zeit, die ganzen alten Geschichten mal wieder  herauszukramen und zu erzählen. Während ich es als Kind leider ehrlich gesagt oft eher als anstrengend empfand, wenn meine Oma (gefühlt ständig) von der Flucht erzählte, finde ich es heute schade, sie nicht noch genauer dazu interviewt zu haben. Denn nun ist es für mich unglaublich interessant zu erfahren, was meine Ahnen erlebt, durchgemacht und geschafft haben.

Da war eben die Oma väterlicherseits, die Anfang 1945 zusammen mit ihrer jüngeren Schwester von Posen nach Bayern flüchtete, nur mit einem Koffer und dem Kinderwagen mit meinem Vater und Onkel als Kleinkind bzw. Baby. Sie hatte insgesamt 9 Geschwister, von denen nur die fünf Frauen alt wurden. Alle fünf Brüder starben früh, als Kanonenfutter im Krieg, an TBC oder durch einen Unfall – während die Frauen alle über 80 oder gar 90 wurden.

Schlimme Verluste mussste auch die Familie meines Großvaters väterlicherseits durchleben – sie wurde durch einen Bombenangriff im Jahr 1944 dezimiert, sowohl die Mutter meines Großvaters als auch seine Schwester mit ungeborenem Kind und ihr Mann, der gerade auf Heimaturlaub war, hatten sich in den Luftschutzkeller der Pfarrei geflüchtet, wo dann genau die tödliche Bombe einschlug.

Auch mütterlicherseits gibt es die eine oder andere spannende Anekdote, mein Opa beispielsweise wurde im Rahmen seines Wehrdienstes mit der Legion Condor in einer Nacht- und Nebelaktion nach Spanien verschifft, keineswegs freiwillig, wie er immer betonte. Er konnte seine Eltern lediglich durch verschlüsselte Hinweise auf die spanische Verwandtschaft, die es in der Linie gab, darüber informieren, wo er war. Später wurde er dann nur durch eine Verletzung am Finger durchs Handballspielen vom Einsatz und wohl sicheren Tod in Stalingrad verschont.
Meine Großmutter wiederum verließ nach dem Krieg ihre Heimatstadt Berlin zusammen mit meiner Mutter, die ein Kleinkind war, über die Luftbrücke mit dem „Rosinenbomber“.

Spannende Geschichten… so ist es mein Plan, den Familienstammbaum endlich mal zu aktualisieren und die Verwandten zu befragen, die die Geschichten noch aus erster Hand kennen. Denn irgendwie tragen wir unsere Ahnen ja in uns und sie sind Teil unserer Geschichte.

 

Stille.

Im letzten SZ-Magazin fand sich das wirklich lesenswerte Interview mit dem Philosophen Ralf Konersmann über die Frage, wie die Unruhe in unser Leben kam. Er beschreibt die Unruhe als kulturelles Phänomen und ich finde mich (uns) in seinem Worten absolut wieder, wenn er sagt:

Es ist nicht der Einzelne, der gestresst ist, wir leben in einer Kultur, die in sich fragmentiert, zerrissen, anstrengend, eben unruhig ist, in einer Gesellschaft, die sich als ruhe- und rastlos präsentiert. Wenn ich zu einem Nachbarn oder Freund sage: »Ich muss los«, werde ich sofort verstanden, weil wir alle Leute sind, die demnächst losmüssen.

Im weiteren Interview beschreibt er sehr treffend das Phänomen, wenn an es an einem freien Tag gar nicht gelingen mag, die Leere zu genießen. Wie gut ich das kenne – ein freier Tag kann unglaublich schnell vorbei sein, wenn man „nur mal eben“ eine Trommel Wäsche wäscht, die Küche putzt, Einkäufe macht und ein paar Mails beantwortet. Abends ärgert man sich dann über die fehlende Erholung. Die große Ninia LaGrande stellt in ihrem Blog auf wunderbare Weise dar, wie es einem gehen kann, wenn man auf Knopfdruck entspannen will:

„Ja, da versuche ich dann mal, zu entspannen“, ist immer mein Plan für die kleinen Lücken in meinem vollgestopften Terminkalender. Es hat aber sehr wenig mit Entspannung zu tun, wenn man sich verkrampft auf das Sofa setzt und denkt: „So, in den nächsten drei Stunden entspannst du jetzt mal.“ Nach spätestens zwei Minuten habe ich irgendeinen Quatsch im Fernsehen gefunden oder ein Handyspiel gespielt, und mich nach einer Stunde gefragt, wo die Zeit nur wieder hin ist. Und danach stehe ich auf, denke, jetzt habe ich halt ein bisschen entspannt und suche mir eine Aufgabe.

Mit dem Thema „zur Ruhe kommen“ setze ich mich schon eine Weile auseinander, ganz besonders seit ich mit Achtsamkeit im Alltag, MBSR und Meditation begonnen habe. Auslöser war eine akut belastende Situation, doch den Mehrwert möchte ich auch im normalen Alltag nun nicht mehr missen. Zugegebenermaßen handelt es sich auch um einen Trend, dem man momentan überall begegnet. Ich bin an sich skeptisch bei jeglichen Hypes, aber dieser hat eben wohl grad gut in mein Leben gepasst. Kritisch kann man es natürlich sehen, dazu gefällt mir jedoch Ralf Konersmanns Antwort sehr gut:

Viele Menschen aus dem liberalen, urbanen Milieu versuchen ihr zu entkommen, indem sie das Landleben stilisieren oder in Wellnesshotels in den Bergen Achtsamkeitsübungen machen. Wie bewerten Sie solche Versuche?
Jetzt versuchen Sie, mich zu kulturkritischen Äußerungen zu verleiten. Das möchte ich eigentlich nicht, aber gut: Ich empfinde diese Versuche gleichzeitig als hilflos und sinnvoll. Hilflos, weil sie ins Karikaturhafte abgleiten, wenn Menschen, die am eigenen Überdruss leiden, ihre Freizeitgestaltung weltanschaulich aufhübschen. Sinnvoll, weil sie ein notwendiges Experimentierfeld darstellen. Es ist wichtig, dass wir uns überlegen, was wir tun können, um die Initiative zurückzugewinnen, weil eine radikal zu Ende gebrachte Unruhe perspektivlos wäre. Aufmerksamkeit, zuhören, innehalten, sich in etwas versenken, diese Qualitäten wollen kultiviert sein. Und wenn sie uns helfen, aus der MTV-Haftigkeit unseres Lebens, aus der Nonstopkultur herauszukommen – warum nicht?

Die Qualitäten wollen kultiviert sein. Auf Achtsamkeit und Meditation bezogen heißt das „Üben, üben, üben“. Dazu bot sich mir heute reichlich Gelegenheit. Nachdem ich meinen eigentlichen „Tag der Stille“ aus gesundheitlichen Gründen leider verpasst hatte, war es heute soweit. Ich war vorher leicht nervös… acht Stunden nicht sprechen, nur in mich gekehrt sein – das klang durchaus herausfordernd. Tatsächlich vergingen die Stunden wie im Flug und ich habe nichts vermisst, am wenigsten mein Handy! Der Tag wurde sehr kurzweilig gestaltet, wir saßen nicht etwa acht Stunden meditierend rum, sondern es gab Körperübungen, Texte, Gehmeditation und sogar einen Ausflug nach draußen.

Zunächst war die Situation komisch, 25 Leute auf engstem Raum und alle schweigend. Schnell gewöhnte man sich aber daran. Die Mittagspause war besonders interessant, mir wurde hier sehr bewusst, wie abgelenkt man doch sonst ist, weil man neben dem Essen noch alles Mögliche macht oder bespricht. Einfach mal jede Menge Zeit zum Essen und keinerlei Ablenkung zu haben, war schon speziell. Es gelang mir natürlich nicht, die Gedankenmaschine kontinuierlich auszuschalten – doch immer wieder gab es diese wertvollen Momente. Was die Gedanken betrifft, so merkte ich, dass ich mit Themen, die mich die Woche über beschäftigt oder belastet hatten, meinen Frieden schließen konnte. Ein sehr befreiendes Gefühl, von dem ich hoffe, dass es anhält.

Friedlich ist das Adjektiv, dass die Stimmung nach dem Tag am besten beschreibt. Vielleicht auch, weil wir in einer Metta-Meditation zum Abschluss uns selbst, uns Nahe- und Nicht-so-nahe-Stehenden und allen Wesen auf der Welt nur das Beste wünschten. Klingt vielleicht esoterisch, war aber total stimmig am Ende dieses Tages.

Übrigens war ich nicht die ganze Zeit so friedlich. Interessanterweise entwickelte ich zu meinen Mit-Schweiger*innen auch ohne verbalen Austausch Sympathien, aber auch Antipathien. Da war die Frau, die meine Kissen verräumte, ohne dass ich darum gebeten hatte. Da waren zwei ältere Ladies, die in der Pause in der Küche belanglose Themen flüsternd bequatschten, statt zu schweigen. Und da war die Streberin, die quasi den ganzen Tag im perfekten Lotussitz verbrachte und ihren Mittagssnack dermaßen übertrieben achtsam aß… uff. Aber auch mit ihr schloss ich zum Ende des Tages meinen Frieden.

Ein solches Experiment kann ich also uneingeschränkt weiterempfehlen. Die Kunst wird nun sein, etwas davon in den stressigen Alltag mitzunehmen. Ich will’s versuchen!

»Niemand wird mehr als wir die Ruhe ersehnt, und die Unruhe geliebt haben.«   (André Gide)

Händchenhalten.

Mit dem Hashtag #HoldTight lancierte die australische Bank ANZ eine Kampagne zur Stärkung von LGBTQI*-Sichtbarkeit (und zur eigenen Imagepflege natürlich), denn:

Even in 2017, the simple act of holding hands is still difficult for some people.

Das Video stimmt mich nachdenklich. Auch wenn ich mich grundsätzlich als relativ „out and proud“ bezeichnen würde, habe ich mich schon dabei ertappt, die Hand meiner Frau in gewissen Situationen loszulassen oder nicht zu halten. Aus Angst, doof angeschaut oder gar angemacht zu werden, meist in gewissen Stadtteilen oder Situationen und auch in Gegenden und Ländern, die mir nicht vertraut sind. In vielen Fällen ist eine solche Angst wahrscheinlich unbegründet und es würde uns nichts passieren. Ein schiefer Blick tut außerdem nicht weh. An guten Tagen kann ich aktivistisch sein und mir denken „Hier und jetzt erst Recht!“. Doch ist das mitunter (zu) anstrengend, kräftezehrend.

Es ist nicht nur das Händchenhalten. In Gesprächen mit Unbekannten oder im Arbeitsumfeld muss man oft in Sekundenschnelle abwägen, ob hier und jetzt ein Coming Out schädlich sein oder zumindest für eine beschämte/betretene Reaktion sorgen kann.

„Coming Out“ klingt so groß. Das ist es auch (immer noch), wenn man zum Beispiel seinen Eltern offenbart, dass man homosexuell ist. Im beschriebenen Kontext meine ich aber gar keine langatmigen Erklärungen oder Offenbarungen. Es ist falsch gedacht, wenn Leute sagen, man solle eben einfach zurückhaltend sein und müsse nicht jedem gleich seine sexuellen Vorlieben unter die Nase reiben. Ihnen möchte ich zurufen: „Leute, ihr macht das die ganze Zeit! Überlegt mal, wie oft ihr nur im Nebensatz euren Mann/Freund oder eure Frau/Freundin erwähnt!“

Ich lebe nun einmal nicht allein, warum sollte ich also so tun? Warum sollte ich erzählen, ich sei im Urlaub in England gewesen – wenn doch WIR in England waren. Warum sollte ich nicht vom letzten Kinobesuch oder Kochversuch am Wochenende erzählen, den wir gemeinsam unternahmen? Warum sollte ich nicht erwähnen, dass meine Frau Lehrerin ist, wenn sich das Gespräch um das Thema Schule dreht? Jede/r Heterosexuelle erzählt genauso nonchalant von seiner Freundin oder ihrem Mann.

Leider stelle ich diesbezüglich hin und wieder eine innere Hürde in mir fest -je nachdem, um welche Situation es geht, freilich. Dann muss ich mir bewusst vornehmen, „ganz natürlich“ damit umzugehen. Und bin dann erstaunt, wenn das andere tun. Wie letztens bei einer Fortbildung, wo beim Essen ein junger Mann ganz selbstverständlich einer anderen Teilnehmerin erklärte, dass sein Kollege, der auch dabei war, außerdem sein Ehemann ist. Mein Herz hat da einen richtigen Hüpfer gemacht – und das nicht nur, weil mein Gaydar richtig gelegen hatte.

So etwas gibt mir die Hoffnung, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ähnlich ging es mir am Valentinstag. Auch wenn das nun nicht zwingend ein Anlass ist, den wir feiern, ergab es sich, dass wir am Abend in einem Restaurant aßen – zusammen mit lauter Heteropärchen. Beim Verlassen des Lokals erhielt jede Dame dieser Pärchen von der Chefin eine Rose. Und siehe da, als wir gezahlt hatten, kam die Chefin mit zwei Rosen zu uns. Ich gestand ihr, dass ich mich schon gefragt hatte, wie sie das denn bei uns wohl machen würde. Sie lachte und sagte, darauf wäre sie immer vorbereitet. Leider habe ich versäumt, sie zu fragen, wie sie bei einem Männerpaar verfahren wäre – keine Rose, zwei Rosen?

Solche positiven Erlebnisse machen mir jedenfalls Mut. Aber auch die Tatsache, dass große Firmen mit Kampagnen wie der obigen (in Deutschland vergleichbar auch die aktuelle Telekom-Werbung) vielfältige Lebensweisen unterstützen und sich gar von dieser Offenheit Pluspunkte fürs Image versprechen. So nehme ich mir fest vor, zukünftig öfter mal die Hand meiner Frau ganz fest zu halten, wenn ich eigentlich den Impuls verspüre loszulassen und mir nicht auf die Zunge zu beißen, wenn mir auf selbiger läge, von ihr zu sprechen.

Shoppen.

Ab und an gehöre ich gern zu den Leuten, die groß rumtönen, dass sie schon eeeeeeewig nichts mehr bei Amazon bestellt haben und das auch nie wieder tun werden, denn mal ehrlich: die Arbeitsbedingungen dort, das Sterben der kleinen Einzelhändler*innen, die Steuern, die nicht bezahlt werden, die Überwachung, die Undurchsichtigkeit, usw…

Wenn man ehrlich ist, ist das Schönfärberei. Denn natürlich verhalte ich mich bei Weitem nicht so nachhaltig, wie ich wollte. Da kaufe ich zwar hin und wieder ein Teil bei ArmedAngels, aber dann seh ich eine Jeans bei S’Oliver, die (selten genug) sogar passt und kaufe sie spontan. Lange liebäugelte ich mit dem Fairphone – um mir dann doch wieder ein iPhone zu kaufen, wenn auch erst, nachdem mein bisheriges nach über vier Jahren wirklich den Geist aufgegeben hatte. Musik höre ich liebend gern über Spotify, wohl wissend, dass die Künstler*innen da nicht viel Geld sehen (aber tun sie das bei CDs?! Zum Beschönigen sag ich mir, dass ich immerhin auf Konzerte meiner Lieblingskünstler*innen gehe und hoffe, dass ihnen etwas vom Ticketpreis bleibt…). In der Küche hängt die Liste, welche deutschen Firmen Produkte von Monsanto verwenden.. tja, und nebendran im Kühlschrank finde ich sicher eines davon, wenn ich gut suche – auch wenn wir uns Mühe geben und viel im Bioladen kaufen.

Doch zurück zu Amazon. Gestern wäre ich fast so weit gewesen, dort eine Bestellung aufzugeben – aufgrund eines sehr unbefriedigenden Offline-Kauferlebnisses. Beziehungsweise Nicht-Kauferlebnisses. Wir hatten den großen Vorsatz, schon lange geplante Anschaffungen endlich zu tätigen. Natürlich im Laden, wegen der Beratung und des „Touch & Feel“. Auf der Liste standen ein Notebook, eine Brotschneidemaschine und (mit Fragezeichen versehen) ein Kärcher Fenstersauger. Gut, vielleicht war das Einkaufszentrum in der Nähe dafür nicht das idealste Ziel, aber aus Zeitmangel entschieden wir uns dafür. Gut, es hätte uns vielleicht vorher klar sein können, dass wir die „gesparte“ Zeit dafür benötigen würden, den richtigen Ausgang des Einkaufszentrums zu finden, um den Weg zum benachbarten Saturn zu erwischen. Endlich im Laden angekommen, stellte sich heraus, dass die gewünschte Version des angedachten Notebooks nicht vorrätig war. Also weiter zu den Brotschneidemaschinen – hier verhielt es sich wiederum so, dass unter den ausgestellten Maschinen zwar ein Modell dabei war, welches in Frage kam, doch dies war nur das unverkäufliche Ausstellungsstück. Gleiches widerfuhr uns beim Karstadt, den wir anschließend ansteuerten. Ernsthaft, warum werden da Geräte zum Verkauf ausgestellt, die man tatsächlich gar nicht kaufen kann? Sehr frustierend! Es erübrigt sich zu sagen, dass der Fenstersauger nicht vorrätig war… „wir erwarten jeden Tag die Lieferung…“.

Mit leeren Händen kehrten wir also leicht entnervt nach Hause zurück, wo ich gleich online nach den gewünschten Produkten suchte. Dabei stellte sich heraus, dass es einen noch viel besseren (da klappbaren und somit platzsparenden) Allesschneider gibt – natürlich las ich brav einige Rezensionen, denn dieser Service der Amazon-Krake ist durchaus vorteilhaft. Auf Saturn.de stellte ich fest, dass die Option „Marktverfügbarkeit prüfen“ angeboten wird. Siehe da, ich hatte unseren Einkauf wohl einfach nicht gut genug geplant! So werde ich morgen nach Feierabend nochmals losziehen, um in verschiedenen Läden die gewünschten Produkte zusammenzusammeln. Denn bei Amazon mag ich sie immer noch nicht bestellen, aus oben genannten Gründen, aber ganz ehrlich gesagt auch, weil wir die Pakete nicht bei der „Postfiliale des Grauens“, wie wir sie getauft haben, abholen wollen. Für mich fast der Hauptgrund gegen Onlinekäufe, also kein Amazon (auch) aus Bequemlichkeit. Mal ganz ehrlich…

Solidarität.

Es ist eher eine Kalenderweisheit, dass in allem Schlechten auch etwas Gutes steckt (viel schöner übrigens mal wieder im Englischen: „Every cloud has a silver lining“). Doch finde ich tatsächlich, dass diese Tage mit ihren täglichen Trump- und sonstigen Horrormeldungen durchaus auch Gutes ans Licht befördern. Der Super Bowl war politisch wie nie mit Werbespots zu Inklusion und Vielfalt, und dann war da noch Lady Gaga. Yeah.

Deshalb mag ich eigentlich nicht in das Lamento einstimmen, dass der Mensch an sich nicht solidarisch ist. Zum Glück erlebt man das Gegenteil,

Auch in meiner „Bubble“ erlebe ich viel Solidarität und Engagement. Am Wochenende nahm ich an einem Praxisaustausch zum Thema „Inklusive Kinder- und Jugendarbeit“ teil. Es war wirklich unglaublich beeindruckend und inspirierend zu sehen, was bundesweit auf die Beine gestellt wird, was Menschen mit viel Enthusiasmus und Herzblut schaffen!

So gehen die Klimpansen ehrenamtlich mit Kindern mit und ohne Behinderung klettern, zum Beispiel auch ein blindes Mädchen kann hier dabei sein.
Als Reaktion auf den Pisa-Schock gründeten Naturwissenschaftlerinnen und Pädagoginnen in Bonn „Abenteuer Lernen“ und bringen den Kids mit Experimenten und viel Enthusiasmus so viel bei – auch hier mit ganz viel ehrenamtlichem Engagement.
Auf der Jugendfarm Schwarzach treffen sich Kinder mit und ohne Behinderung zum Spielen, Erkunden und Abenteuer erleben.
Bei WIK – Wir im Kiez in Berlin-Steglitz kreieren Jugendliche mit und ohne Behinderung zusammen Stadtführungen der anderen Art.
Bei den Mixed Pickles aus Lübeck bilden Mädchen mit und ohne Behinderung zusammen ein Redaktionsteam für einen Blog und erzählen dort, was sie so machen und erleben. (Das mit den Modellbaufiguren will ich schnellstmöglich auch ausprobieren!)

Ich hätte da noch eine Kalender-Weisheit: Jede/r kann etwas dazu beitragen, dass diese Welt eine bessere wird. Man muss nur anfangen. Und jetzt ist der beste Moment dafür!